[Bastler]

Internet als Herausforderung und Chancen für Bibliotheken

Ein Vortrag von Klaus Peter Hommes und Dr. Florian Seiffert.
Gehalten auf dem Deutschen Internet Kongress 1997
am 6. Mai 1997 in Düsseldorf.

[Leiste]

1. Bedeutung des Internets für Bibliotheken

Die Nutzung der Möglichkeiten des Internets bedeutet für Bibliotheken die konsequente Ausdehnung ihres Auftrags auf die technischen Grundlagen der Informationsgesellschaft. Aber braucht eine Gesellschaft, die den direkten Zugang zu den Informationsressourcen des Internets hat, künftig noch Bibliotheken? Kann nicht infolge der wachsenden Verbreitung des Zugangs zum Internet auf Bibliotheken als Orte und Institutionen der Bereitstellung von Wissen und Informationen verzichtet werden? Im folgenden wird die These vertreten werden, daß in der sich etablierenden Informationsgesellschaft trotz und gerade wegen des Internets Bibliotheken nötiger gebraucht werden denn je, wenn die Informationsgesellschaft weiterhin auf einem breiten gesellschaftlichen Konsens beruhen soll.
Zunächst einige Bemerkungen zur Terminologie: Wenn im folgenden von Bibliotheken allgemein gesprochen wird, sind alle Bibliotheken, unabhängig von ihrer Funktion und Trägerschaft, gemeint; nur wenn es erforderlich ist, wird spezifiziert von wissenschaftlichen Bibliotheken als den Universitäts- und Fachhochschulbibliotheken in der Trägerschaft des Landes und von Öffentlichen Bibliotheken als den Bibliotheken in der Trägerschaft der Kommunen gesprochen. Die Herausforderungen und Chancen von Bibliotheken in der Informationsgesellschaft haben zahlreiche Aspekte. Neben den technischen Aspekten sind dies vor allem juristische, wirtschaftliche und kulturelle Aspekte, die hier allenfalls benannt werden können. Das Referat gliedert sich in folgende Punkte: Nach einer kurzen Skizzierung der Aufgaben von Bibliotheken erfolgt eine Bestandsanalyse speziell der Bibliotheken in Deutschland vor dem Hintergrund der technischen Aspekte der Informationsgesellschaft. Hieraus ergeben sich die Herausforderungen und Chancen der Bibliotheken sowie abschließend die Anforderungen an die Politik, Verwaltung und Wirtschaft, um diese Chancen optimal zum Nutzen und Wohle der Bürgerinnen und Bürger ergreifen zu können.

2. Aufgaben von Bibliotheken

Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland verbrieft in Artikel 5 das Recht, "sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten". Die institutionellen Garanten dieses für die Demokratie existentiellen Grundrechtes sind die Bibliotheken mit 15.351 Standorten mit einem Bestand von 373,2 Millionen Medien, die 380,2 millionenmal entliehen werden. Für diese Bibliotheken mit ihren 28.813 Personalstellen werden hauptsächlich vom Bund, den Ländern und den Kommunen insgesamt 2,7337 Milliarden DM ausgegeben, davon 733,5 Millionen DM für den Bestandsaufbau.
[o] Bibliotheken in Deutschland
Eine Zusammenstellung des DBI in Berlin
Zahlen über Anzahl, Bestand, Entleihungen etc.
Die im Grundgesetz genannten allgemein zugänglichen Quellen waren in der Vergangenheit nahezu ausschließlich Printmedien, die von Bibliotheken gesammelt, erschlossen, präsentiert und archiviert werden. Bibliotheken erzeugen eine Ordnung des publizierten menschlichen Wissens mit dem Ziel einer weiteren Wissens- und Informationsakkumulation. Mit der technischen Entwicklung sind zu den Printmedien weitere Medien, wie audiovisuelle und digitale Medien hinzugekommen, so daß die Bibliotheken einen multimedialen Bestand aufweisen. Heute werden nahezu alle gedruckten Informationen zunächst auf digitalen Trägern produziert. Neben die tradierte Distribution von Wissen über Printmedien tritt die Verbreitung über digitale Netze. In einigen Wissenschaftsbereichen findet der wissenschaftliche Diskurs mittlerweile nahezu ausschließlich auf digitalem Wege statt. In der Molekularbiologie z.B. ist die Halbwertszeit des Wissens auf zwei bis drei Jahre gesunken, bei einer Verbreitung über Printmedien wären die Forschungsergebnisse bereits beim Erscheinen veraltet. Dieser von Wissenschaftlern selbst organisierte Austausch von Forschungsergebnissen läuft weitgehend an Verlagen und Bibliotheken vorbei, wie das Beispiel der Physik zeigt:
[o] EPrints
e-Print archiv mirror
Elektronische Veröffentlichungen aus dem Bereich Physik u. Mathematik
Weder traditionelle Selektionsmechanismen der Qualitätskontrollen bei den Printmedien noch die Herstellung einer umfassenden Öffentlichkeit über die Bibliotheken und die lückenlose Archivierung von Forschungsprozeßen und -ergebnissen sind gewährleistet. Trotz Digitalisierungsprojekten wird es auch mittelfristig bei der multimedialen Zusammensetzung des Bestands der Bibliotheken bleiben, wobei allerdings die ausschließlich digital organisierte Informationsdistribution an dem Fortbestand des universellen Informationsauftrags der wissenschaftlichen, aber auch der Öffentlichen Bibliotheken zweifeln läßt. Es herrscht ein breit angelegter Konsens in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, daß sich die heraufziehende Informationsgesellschaft von anderen Gesellschaftsformationen dadurch unterscheiden wird, daß in ihr Information der entscheidende Produktionsfaktor sein wird. Der Zugang zu und der Umgang mit Informationen wird sowohl gesamtgesellschaftlich wie auch individuell über das künftige Wohlergehen entscheiden. Eine entscheidende Rolle werden hierbei die allgemein öffentlich zugänglichen Bibliotheken unabhängig von ihrer Finanzierung bilden. Der Auftrag der öffentlich finanzierten Bibliotheken, Informationen für Wissenschaft, Beruf und Alltag bereitzustellen, resultiert in Deutschland aus dem grundgesetzlichen Gebot der Informationsfreiheit und der staatlichen Daseinsvorsorge. Die zunehmende Komplexität von Entscheidungen im Alltag, Beruf und in der Politik benötigt qualitativ hochwertige Informationen unabhängig von ihrer jeweiligen Medienart. Die Informationen müssen reflektiert und kontextbezogen bewertet werden. Digitale Suchmaschinen werden diese Informationsaufbereitung allein nicht vollziehen können. Bibliotheken stehen vor der Aufgabe, Wege in den digitalen Informationsdschungel zu schlagen, sich somit zunehmend als Clearinghouses zu betätigen. Bibliotheken werden mit hochqualifiziertem Personal und dem gesamten Angebot an Informationsmedien weiterhin den öffentlich gesicherten Zugang zu Informationen garantieren müssen, ohne den eine moderne postindustrielle und demokratische Gesellschaft nicht mehr möglich ist. Eine Alternative zu einer Finanzierung dieser Aufgabe aus den öffentlichen Haushalten des Bundes, der Länder und der Kommunen besteht derzeit in Deutschland nicht.
Die Informationsgesellschaft wird eine "lernende Gesellschaft" sein, die für den Prozeß der permanenten Fort- und Weiterbildung Institutionen benötigt, die aus der Fülle der bereitstehenden lokalen, regionalen, nationalen und internationalen Informationen die im Einzelfall benötigten Informationen selektieren und anbieten können. Durch ihre Multimedialität, d.h. die Bereitstellung aller Medienarten werden diese Zentren der Information die allgemein öffentlich zugänglichen Bibliotheken in der Trägerschaft des Bundes, der Länder und der Kommunen sein. Die wissenschaftlichen und die Öffentlichen Bibliotheken können diese Aufgabe allerdings nur bewältigen, wenn sie angesichts des unverändert hohen Wachstums an gedruckten und digitalen Informationen eng miteinander kooperieren, um auf diese Weise durch Synergieeffekte die angespannten Finanzressourcen der öffentlichen Haushalte effizienter zu nutzen.

3. Bestandsanalyse der Bibliotheken in Deutschland

Deutschland verfügt als föderal verfaßte "verspätete Nation" historisch über eine umfassende und differenzierte dezentrale Bibliothekslandschaft, finanziert vom Bund, den Ländern, den Kommunen und anderen Unterhaltsträgern. Staats- und Landesbibliotheken, zentrale Fachbibliotheken, Universitäts- und Fachhochschulbibliotheken sowie kommunale Öffentliche Bibliotheken bieten neben Printmedien für Wissenschaft, Beruf und Alltag auch Informationen aus anderen Medien an. Ein Teil dieser öffentlich finanzierten Bestände sind in den Datenbanken der seit 1970 aufgebauten regionalen Bibliotheksverbünde, wie z.B. dem Hochschulbibliothekszentrum des Landes Nordrhein-Westfalen (HBZ) erfaßt und sind für Informationssuchende regional, national und international über das Internet bzw. z.T. CD-ROM recherchierbar.
[HBZ-Logo] Der WWW-Server des HBZ
Die sich vollziehende Ergänzung und Vernetzung der Bestandsnachweise wissenschaftlicher Bibliotheken auch mit Nachweisen Öffentlicher Bibliotheken verstärkt Tendenzen in der spartenübergreifenden Nutzung von Bibliotheken. Die Unterscheidung zwischen wissenschaftlichen und Öffentlichen Bibliotheken hat für viele Informationssuchende an Sinn verloren. Das Hauptaugenmerk liegt angesichts des exponentiellen Wachstums an Informationen sowohl auf deren Aktualität wie auch auf deren precision. Das bedeutet für Bibliotheken konkret, daß sie sich aufgrund der breit gestreuten und noch zunehmenden Informationsinteressen bedingt durch Studium, Lehre, Beruf und Alltagsbewältigung quantitativ und qualitativ auf die neue Situation einstellen müssen. Dies umfaßt technische Aspekte wie z.B. den Zugang zu Datennetzen und die Anpassung der DV-Ausstattung, aber auch organisatorische und personelle Aspekte, um die neuen Aufgaben durch Reorganisation der Betriebsabläufe und verstärkte Fortbildung auf einem gewohnt hohen qualitativen Niveau anbieten zu können. Die Bibliotheken in Deutschland sind sehr unterschiedlich auf die Herausforderungen der Informationsgesellschaft vorbereitet. Diese Unterschiede betreffen sowohl die technischen Aspekte wie die personellen Aspekte.
Die Bibliotheken der deutschen Hochschulen sind über ihre Hochschulen an leistungsfähige Datenkommunikationsnetze angeschlossen. Die Universitäten in NRW verfügen z.B. seit dem Herbst 1996 über einen 34 Mbit/s-Anschluß an das WiN (Wissenschaftsnetz) des DFN-Vereins, die Fachhochschulen über einen 2 Mbit/s-Anschluß. Diese institutionelle Anbindung gestattet den Hochschulbibliotheken, im Internet mit Informationen über ihre Institution und mit ihren Katalogen präsent zu sein. Dadurch ist es möglich, unabhängig von Raum und Zeit in dem Bestand der Bibliothek zu recherchieren und deren zunehmende Onlinedienste in Anspruch zu nehmen.
[HBZ-Logo] Benutzerarbeitsplatz
der ULB Düsseldorf
Katalog, Abfrage des Leihzustands, Vormerkung, Wiederausleihe, Kontoinformation, Paßwortänderung
Derzeit bieten rund 130 deutsche Bibliotheken ihren OPAC (Online public access catalog) im Internet an. In Nordrhein-Westfalen z.B. sind alle 15 Universitätsbibliotheken des Landes mit Informationen im Internet vertreten, 11 bieten ihren Katalog über WWW an. Demgegenüber sind die Öffentlichen Bibliotheken in Deutschland bislang nur unzureichend mit Internetanschlüssen versorgt, sie können aus Kostengründen allenfalls ISDN-Wählverbindungen mit 64 kbit/s nutzen. Die Ermittlung von exakten Zahlen für den Anschluß Öffentlicher Bibliotheken ist schwierig, da sie unterschiedliche Provider nutzen. Eine Schätzung ergibt, daß maximal 20% der hauptamtlich geführten deutschen Öffentlichen Bibliotheken das Internet nutzen können, noch weniger können Internet für die Nutzerinnen und Nutzer anbieten. Neben finanziellen Gründen durch die Kosten der Hardwareausstattung und der Verbindung mit Datennetzen haben Kommunen und Öffentliche Bibliotheken bislang nur unzureichende Erfahrungen beim Einsatz von Datenkommunikationstechniken, die mithin häufig eine deutliche Verzögerung zum Stand der technischen Möglichkeiten aufweisen.
[HBZ-Logo] Deutsche Bibliotheken online
(Alle deutsche Bibliotheken, die Dienste im Internet anbieten)
Eine Sammlung aktueller Links
[HBZ-Logo] Bibliographischer Werkzeugkasten
Links auf Internationale Bibliotheken, Nachschlagwerke, Biographien, Bibliographien, etc.
Eine Sammlung aktueller Links
[HBZ-Logo] Ägypten bis Zypern
Bibliotheks-OPACs und -informationsseiten
Eine Sammlung aktueller Links
Die Hochschulbibliotheken kooperieren in regionalen Bibliotheksverbünden, in deren Datenbanken sie ihre Bestände nachweisen. Internetanwendungen sind fest in die betriebsinternen und nutzerorientierten Arbeitsabläufe der Hochschulbibliotheken integriert. Die Katalogisierung kann über die Kommunikationsprotokolle X.25 und TCP/IP erfolgen. Für den Aufbau von lokalen OPACs nutzen die Hochschulbibliotheken ftp zum Transport der Bestandsdaten. Kommunikation untereinander und mit Benutzern erfolgt unter Nutzung von EMail. Per WWW kann in Katalogen recherchiert und können z.T. Medien vorbestellt bzw. verlängert werden. Die Bestellung von Zeitschriftenaufsätzen per WWW und deren Lieferung per EMail ist durch JASON realisiert. SUBITO, eine Bund-Länder-Initiative zur Beschleunigung der Literatur- und Informationsdienste, wird noch in 1997 eine Ausweitung der Digital Document Delivery Services bringen. Öffentliche Bibliotheken können diese Möglichkeiten allerdings bislang nur vereinzelt nutzen.
[HBZ-Logo] KVK
Karlsruher virtueller Katalog
Abfrage "aller" deutschen Kataloge durch die UB Karlsruhe
[HBZ-Logo] Jason
Journal Articles Sent On DemaNd
Zeitschriftenbestellsystem der UBs Bielefeld u. Dortmund
Die Integration von Multimedia in Arbeitsabläufe ist jedoch noch nicht technisch optimal vollzogen. Die eingesetzten proprietären Kommunikationsprotokolle erlauben derzeit noch nicht die umfassende Nutzung von bestehenden Angeboten. Die regionalen Bibliotheksverbünde für die Bundesländer Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen und Sachsen sowie das Deutsche Bibliotheksinstitut planen für 1998 den Einsatz einer neuen Verbundsoftware, die über offene standardisierte Kommunikationsschnittstellen verfügt. Mit der neuen Verbundsoftware wird es zudem möglich werden, ohne Systemwechsel die Fernleihe, d.h. die Bereitstellung von Aufsätzen und Büchern aus anderen Bibliotheken, digital zu unterstützen. Die Einbindung von Dateien, ob als Text, Audio oder Videodateien, die in einem Projekt IBIS (InternetBasiertesInformationsSystem) getestet wird, wird ebenfalls unterstützt werden. Es zeichnet sich somit ein Wandel von einem digital unterstützten Standortnachweis für Medien zu einem vollständigen Dokumentennachweis ab.
[HBZ-Logo] IBIS
Internet Basiertes Informations System
Internetkatalogisierung
[HBZ-Logo] Oliver
OnLIne-VERbundsystem
Information über die Neuentwicklung einer Bibliotheksverbundsoftware
Das Ministerium für Stadtentwicklung, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen unterstützt mit aufeinander abgestimmten Projekten den Übergang kommunal finanzierter Öffentlicher Bibliotheken in Nordrhein-Westfalen in die Informationsgesellschaft. Diese Projekte haben trotz der strukturell schwierigen Situation in Nordrhein-Westfalen dazu geführt, daß sich Öffentliche Bibliotheken des Landes im Vergleich zu anderen Bundesländern vergleichsweise gut vorbereitet den Herausforderungen der Informationsgesellschaft stellen können. Mit einer Initiative "Bibliotheken ans Netz" beabsichtigt das Ministerium für Stadtentwicklung, Kultur und Sport die erfolgreichen Projektergebniss sowohl qualitativ wie auch quantitativ auf weitere Öffentliche Bibliotheken zu übertragen mit der Perspektive, bis zum Jahr 2000 allen Öffentlichen Bibliotheken des Landes Nordrhein-Westfalen den Zugang zum Internet zu ermöglichen.

4. Herausforderungen und Chancen

Die technischen Entwicklungen und mit ihnen die Etablierung der Informationsgesellschaft mit ihrem tragenden Fundament der multimedialen Anwendungen sind unaufhaltsam, aber noch nicht abgeschlossen, so daß derzeit noch die Möglichkeit besteht, die Ausgestaltung der Informationsgesellschaft zu beeinflussen. Über die Dimensionen sollte aber Klarheit und Nüchternheit herrschen: die entscheidenden Rahmenbedingungen werden nicht regional und nicht national, sondern international diskutiert und festgelegt, Sprachgrenzen bestehen zwar derzeit noch, aber sie werden zunehmend unwichtiger werden.
Unter dem Titel "Digitale Bibliothek" oder "Virtuelle Bibliothek" wird die Neuorientierung von Bibliotheken seit mehreren Jahren national und international intensiv und breit diskutiert. Zahlreiche von der EU, dem Bund und den Ländern finanzierte Projekte ermitteln einzelne Aspekte, wie technische Standardisierungen und Normierungen, Copyrightprobleme, Document Delivering.
Das Medien- und Informationsangebot explodiert, obwohl der individuelle Zeitaufwand für die Rezeption der Medienarten seit Jahren stagniert. Die hieraus sich ergebende Informationsdynamik stellt eine existentielle Herausforderung für Bibliotheken dar. Im Bereich der wissenschaftlichen Publikationen hat sich an den Bibliotheken und Verlagen vorbei eine neue Kultur der Publizistik etabliert. Diese Publikationen werden rein digital erstellt und distribuiert. Die Darstellung von Forschungsergebnissen aus Bereichen der Naturwissenschaften und der Mathematik lassen sich nur noch multimedial bewerkstelligen. Da Aktualität das entscheidende Kriterium für die Verwertung der Forschungsresultate ist, spielt bei diesen Wissenschaften die Archivierung zunächst nur eine nachgeordnete Rolle. Mit der Zunahme von digitalen Standortnachweisen von Medien werden insbesondere in den anwendungsorientierten Wissenschaften die Anforderungen an den unmittelbaren Zugriff auf die Dokumente selbst steigen. Da bei der weltweiten Vernetzung es prinzipiell für den Benutzer egal sein kann, wer ihm die digitalen Dokumente bereitstellt, müssen sich die Bibliotheken diesem internationalen Wettbewerb stellen, der im Gegenzug mit einer verstärkten Kooperation, z.B. in Auskunftsfragen über die international genutzte EMail-Liste STUMPERS, einhergeht. Bibliotheken werden durch ihre institutionelle Eingebundenheit besonders bei Hochschulschriften stärker in die Rolle von Verlagen gedrängt. Bibliotheken werden künftig nicht nur als Informationsspeicher, sondern auch als Informationsanbieter auftreten. Verleger werden im Gegenzug versuchen, ihre digitalen Produkte per Zugriff zu vermarkten.
Die Archivierung von digitalen Beständen ist derzeit ungelöst. Viele Datenformate selbst der letzten Jahre sind kaum noch lesbar, weil die entsprechende Soft- und Hardware veraltet ist. Printbestände des 19. und 20. Jahrhunderts zerfallen. Eine Sicherung sowohl des tradierten wie des aktuellen Wissens ist dringend notwendig.
[o] Winnetou
Eine Digitale Rekonstruktion der Originalausgabe
Ein Kooperationsprojekt zwischen der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft und der Bibliothek der Universität Bielefeld
[o] Friedrich II. von Preußen Anti-Machiavel...
Eine Digitale Rekonstruktion der Printausgabe
Ein Kooperationsprojekt zwischen der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft und der Bibliothek der Universität Bielefeld
Die technisch basierte Vernetzung von Kulturen muß begleitet werden von kulturellen Programmen, die exemplarisch das jeweils nationale Bewußtsein transzendieren. Bibliotheken können sich durch ihre Medien- und Kulturkompetenz neue Benutzerschichten erschließen und so ihre Stellung als kulturelle, soziale und wirtschaftliche Garanten einer demokratischen Gesellschaft festigen.

5. Anforderung an die Politik, Verwaltung und Wirtschaft

Traditionelle und neue Dienstleistungen von Bibliotheken werden nachgefragt mit steigender Tendenz, von einer Krise der Bibliotheken angesichts der Möglichkeiten des Internets kann daher zumindestens aus der Perspektive der Kunden der Bibliotheken derzeit nicht gesprochen werden. Allerdings erwarten die Kunden mehr von ihrer Bibliothek, die durch die Kombination des lokalen Bestandes mit den Internetressourcen zum "Fenster zur Welt" geworden ist. Die Sicherstellung der im öffentlichen Interesse liegenden Informationsversorgung durch Bibliotheken kann künftig aber nur durch verstärkte Kooperation zwischen Bibliotheken auch unterschiedlicher Unterhaltsträger erfolgen. Diese notwendige Kooperation hat finanzielle Implikationen, für die der Bund und die Länder entsprechende Hilfen bereitstellen sollten. Hierzu zählt die explizite Aufgabenerweiterung der regionalen Bibliotheksverbünde zu Landesbibliothekszentren. Hierdurch wird es möglich sein, entsprechend der föderalen Grundstruktur den digitalen Nachweis der in den Bundesländern mit öffentlichen Geldern finanzierten Medienbestände in die Verbunddatenbanken im Interesse der Informationssuchenden voranzutreiben. Hierzu gehört desweiteren die Digitalisierung der in den Ländern geführten Zentralkataloge, die in Nordrhein-Westfalen derzeit vollzogen wird.
Die Entwicklung im Informationsbereich wird weitergehen. Insbesondere wird die Zahl kostenpflichtiger Informationsangebote, ob auf CD-ROM oder Online-Basis, zunehmen. Für die öffentlich finanzierten Bibliotheken der Bundesländer sollten kostengünstige Landeslizenzen für die Nutzung dieser Informationsressourcen angestrebt werden. Für die Teilhabe der Bibliotheken an dem technischen Fortschritt sollten bei den künftigen Landesbibliothekszentren Forschungsabteilungen vorgesehen werden, die Evaluierungen vornehmen und über den Fortbildungsauftrag den Transfer zu den Bibliotheken leisten können.
Als technische Voraussetzung für die Teilhabe von Bibliotheken an den Herausforderungen und Chancen benötigen vor allem Öffentliche Bibliotheken kostengünstige Zugänge zu schnellen Datennetzen. Leistungsstarke Landesdatennetze (LDN), die auch durch Koppelung von MetropoliteanAreaNetworks (MAN) erreicht werden können, mit durchsatzstarken Übergängen zu anderen Netzen (Internet) könnten hierzu ein Weg sein. Die Initiative "Bibliotheken ans Netz" des Landes Nordrhein-Westfalen ist geeignet, auch zögernde Kommunalverwaltungen zu ermutigen, diesen zukunftssichernden Weg für die Öffentlichen Bibliotheken im gesamtgesellschaftlichen Interesse zu beschreiten.

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Klaus Peter Hommes,
Florian Seiffert (06. Mai 1997)